(D) someone has to do the dirty job

Wolf-günther Thiel


Erlauben Sie mir bitte mit einer Digression zu beginnen, um Sie auf Kristian Hornsleth gebührend einzustimmen. Eine Digression ist der schmückende Teil einer Rede oder eines Artikels, der die eigentlich zu behandelnde Person außer Acht lässt und sich beiläufig einer nicht oder nur indirekt mit dem Hauptthema verbundenen Geschichte, Erinnerung, Beschreibung oder ähnlichem zuwendet. „Denis Diderot" schreibt 1771: „Jedes Jahrhundert hat seinen charakteristischen Geist; der des unseren scheint die Freiheit zu sein". Diese Freiheit, die vor allem eine Gedankenfreiheit und eine Freiheit in Bezug auf das eigene Selbstverständnis und das eigene Tun ist, ist eines der zentralen künstlerischen Motive von Kristian Hornsleth und die treibende Kraft seiner künstlerischen Arbeit.

Michelangelo Merisi bekannt als „Caravaggio" der zwischen 1573 und 1610 gelebt haben dürfte, war zu seiner Zeit ein gefeierter Künstler und ein immer wieder von der Justiz unterschiedlichster Vergehen Beschuldigter Flüchtling. Sein heftiger und leidenschaftlicher Charakter ließ ihn immer wieder mit den Gesetzen und Vorstellungen seiner Zeit in Konflikt treten. Trotzdem oder gerade deswegen war er einer der Hauptmeister des beginnenden Barocks und gilt als stärkster Naturalist seiner Zeit. Er galt als 1, als Verächter geheiligter Traditionen, als Hauptvertreter jenes gemeinen Naturalismus, an dem man die Grundforderungen wahrer Kunst vermisste und der so ganz zu dem Bilde seiner schroffen und selbstbewussten Persönlichkeit zu passen schien. Trotzdem oder gerade deswegen wurde er im 17. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Impulsgeber für die Barockmalerei und beeinflusste unter anderen Maler wie Annibale Carracci, Peter Paul Rubens und viele andere. Ein Verfechter seiner persönlichen Freiheit und seiner künstlerischen Überzeugung jenseits aller gesellschaftlicher oder künstlerischer Konventionen.

Das Romanwerk des Marquis Donatien Alphonse Francois de Sade ( 1740-1814) stellt ein delikates Problem dar: Verleitet die materialistische Philosophie der Aufklärung zum Immoralismus und zum Verbrechen? Die Helden bei de Sade erkennen ihre Naturunterworfenheit nicht an. Die Vorstellung einer wohltätigen Natur ist ihm fremd, ebenso der Begriff der Geselligkeit und das Verbrechen ist für de Sade das Ergebnis einer Entscheidung und keineswegs eine Frage der Moral. De Sade gilt als einer der exzentrischen Vertreter des französischen Materialismus. Der Materialismus sieht in der Materie den Grund und die Substanz aller Wirklichkeit, also nicht nur der stofflichen, sondern auch der seelischen und der geistigen. Ein künstlerischer Wesenszug des Materialismus ist der Naturalismus. Er räumt dem Menschen keine Sonderstellung in der Natur ein und geht einher mit der instrumentellen Vernunft befördert durch Naturwissenschaften und Technik. Der Materialismus ist die Grundlage für die Philosophie des Marxismus. Hier begegnet uns der ethische Materialismus. Er hält nur die nutz- und genießbaren Güter für erstrebenswert und lehnt die Anerkennung eines Reiches autonomer, nicht materieller Werte ab. Zugespitzt mit Marx: „Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein des Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt." Der Materialismus führt zu einer Neudefinition von Ethik und Moral und entlarvt sie als restaurative Tugenden der herrschenden Klasse, um sich gesellschaftlich und materiell zu schützen und zu savourieren.

Die Sex Pistols waren eine der bekanntesten Punkrock-Bands in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre. Sie werden
gemeinhin als "Urväter des Punk " bezeichnet. Gemeinsamer kultureller Hintergrund waren die Pariser Studentenunruhen von 1968 und der Situationismus, sowie die Mitte der 70er Jahre entstandene New Yorker Punk-Szene um die Ramones, Richard Hell (dessen Aussehen einschließlich Sicherheitsnadeln und zerissener T-Shirts Johnny Rotten kopierte) und Johnny Thunders und deren musikalischen Vorbilder Stooges mit Iggy Pop, MC5 und New York Dolls. Neben der Musik trugen besonders die provokativen Texte und das schockierende Auftreten der Sex Pistols dazu bei, dass Punk zur bestimmenden Musik- und Kulturbewegung der späten 1970er Jahre wurde, und sie selber zu deren Ikone.

Rechtzeitig zum Thronjubiläum der Queen im Mai 1977 wurde die Single "God Save The Queen" veröffentlicht. Die Single wurde die Nummer 1 in den englischen Charts, tauchte aber in den offiziellen Listen nie auf, angeblich wegen royalistischer Loyalität der Verantwortlichen. Auf Grund vieler Auftrittsverbote trat die Band kaum auf, unternahm aber im Sommer 1977 eine Tournee durch Schweden. Ende 1977 erschien die erste (und eigentlich einzige) LP "Never Mind The Bollocks", die auf Grund ihres Titels Gerichtsverfahren wegen Obszönität zur Folge hatte. Anfang 1978 gingen die Sex Pistols auf USA-Tournee, an deren Ende Johnny Rotten die durch die Machenschaften ihres Managers zerüttete Band verließ. Sid Vicious strebte eine Solo-Karriere an und wurde Teil der New Yorker Heroin-Szene. Mit seiner Version des Frank Sinatra-Songs "My Way" konnte er sogar Charterfolge verbuchen. Ende 1978 wurde er jedoch in New York angeklagt, seine Freundin Nancy Spungen ermordet zu haben, starb aber vor den Verhandlungen am 2. Februar 1979 an einer Überdosis Heroin.

Der frühe Tod von Vicious machte ihn zur legendären Gestalt, jung, wütend, mutig und kämpferisch. Ähnlich wie es kurze Zeit später Public Enemy formulierte „You have to fight for your right to party" oder wie Ian Dury singt "sex and drugs and rock and roll". All dies Ausdruck eines absoluten Freiheitsbedürfnisses jenseits aller bürgerlichen Konventionen. Ich erinnere mich an einen gemeinsamen Freund von Kristian und mir: Nicolas Powell oder wie Kristian ihn nannte „Dicky Nicky". Nicolas war unser Freund, er starb viel zu früh. Er war einer der letzten Snobs, der als Brite in Paris lebte und den wir in einer schweren Mercedeslimousine über die Straße des 17 Junis in Berlin fuhren und ihn während der Fahrt in die Welt von Ice Cube einführten. Er der bürgerliche Aristokrat hörte zum ersten Mal „Givin' Up the Nappy Dug out". Die Platte, die natürlich „Death Certificate" hieß und unter Parental Advisory / Explicit Lyrics" eben nicht im Handel zu erwerben war.

Für die letzten fünf Jahre seines Lebens wurde Nicolas zu einem Fan von Ice Cube, Eminem und Snoop Doggy Dog. Er sagte uns später, es war ein Gefühl der Befreiung, sich entgegen aller Erziehungsvorstellungen diese Musik trotzdem anzuhören. Es war Punk für ihn und es wurde zu einer ständigen Haltung gegenüber dem bürgerlichen Erwartungsschema. „Who gives a fucking shit about social expectations". Nicolas verdanken wir den Artikel im Spectator über die Manschettenknöpfe mit der Aufschrift „Kill the bitch" und den Hinweis diese seien Prinz Charles vor dem Tod von Lady Diana entwendet und von Hornsleth wiederbeschafft worden. Sicherlich hat uns Nicolas stärker beeinflusst als die Photos von Jones mit Ronnie Biggs in Rio, Rotten in Jamaika oder Vicious im „body bag" und trotzdem.
Eminem kam am 17. Oktober 1972 als Marshall Bruce Mathers III auf die Welt.

Er wuchs in einer von Schwarzen geprägten Gegend Detroits auf. Seine Familienverhältnisse waren zerüttet. Der Vater verließ die Familie als Eminem noch 3 Monate alt war. Seine Mutter war nach Aussage Eminems drogenabhängig und schlug Marshall oft. Heute ist seine Mutter Taxifahrerin und die beiden sind zerstritten. Rap-Songs, die ihm sein gleichaltriger Onkel Ronnie vorspielte, begeisterten ihn schon früh. Die Beastie Boys und N.W.A. waren die Vorbilder des jugendlichen Eminem.

Seine Texte kommen bei den jugendlichen Zuhörern an. Eminems Themen sind unter anderem Schwule und Frauen, über die er immer wieder voller Aggressivität singt. Er selber betonte, dass er nichts gegen Schwule habe. Kritiker bemängeln an den Texten insbesondere, dass diese oftmals überzeichnete, surreale Gewaltphantasien beinhalten.
Im Oktober 2004 veröffentlichte Eminem das Video Mosh, mit dem er im US-Präsidentenwahlkampf Position gegen eine Wiederwahl von George W. Bush bezog. Zitate aus dem Song: »fuck Bush« und »this weapon of mass destruction that we call our president«. Das Video endet mit einem Wahlaufruf »VOTE Tuesday November 2« Das Video löste international so große Zustimmung aus, dass sogar Moby, den Eminem einige Jahre zuvor sehr beleidigt hatte, erklärte, dass er das erstaunliche Video für das beste des Jahres hält. Nachdem Bush die Wahl gewann, wurde das Ende des Videos geändert: Nun gehen die Bürger im Video nicht wählen, sondern stürmen den Senat.

Eminem meint es ernst mit seinen Texten auch wenn die Fans mittlerweile einen bestimmten Typus von Text erwarten und ihn für eine bestimmte Art von Aggression verehren. Er ist die weiße Antwort auf den Hip Hop der Kollegen. Die parolenartigen Zeilen seiner Texte haben Hornsleth sicher beeinflusst und ihn ermutigt seine Art von Humor zu kultivieren. Ein Spruch den beiden mögen ist die Geschichte von „Gay dad". Von Eminem lernen heißt, mit Wut, mit Aggression, mit seiner eigenen Meinung zu punkten und berühmt zu werden, ohne sich zu verbiegen, trotz der Markterwartungen der Labels und der Vorliebe der Fans für bestimmte Styles. Eminems oder Hornsleth Erfolg ist für das geliebt zu werden was man tut und nicht für das was erwartet wird. Immer wieder neu, immer wieder anders und doch sich selbst immer treu bleiben.

Was haben Carravaggio, de Sade, die Sexpistols, Eminem und Hornsleth gemein? Wo ist der "Common Ground"? Die vier Beispiele sind natürlich nur exemplarisch man könnte Black Flag und Henry Rollins als Beispiel für Hardcore/Punk der 70er und 80er Jahre oder Melvin van Peebles mit seinen „Blaxploitation films, Pimp Culture, Reclamation, Racism directly adressed" aus den frühen 70ern aus Illionois / USA genauso wie viele andere Pinoniere der Hardcore Szene nennen.

Nur in der Bildenden Kunst fällt es schwer passende Beispiele zu finden. Das, was wir gemeinhin in der Kunstwelt wahrnehmen und einen Marktwert erzielt und durch Museen und Fachmagazine sanktioniert wird muss bestimmte Kriterien erfüllen und folgt den manchmal im Idealfall vom Künstler selbst entwickelten Konventionen, ehe es vom Ausstellungsbetrieb kanonisiert und in eine Schublade einsortiert wird. Ein Künstler, der sich lange gegen eine allzu schnelle Vereinnahmung gewährt hat, war Andy Warhol. Er war und ist nicht nur eine Ikone des Kunstmarktes, sondern auch eine wesentliche Triebkraft der 60er Jahre für die Punkmusik und Experimentalfilmbewegung des kulturellen Undergrounds New Yorks. Seine Filme wie auch die Gruppe Velvet Underground legen hiervon ein überzeugendes und überzeugtes Zeugnis ab. Die Idee der Factory und die populären Images haben einiges mit Hornsleth gemein und sind für ihn vorbildlich. Warhol war bis zuletzt ein Außenseiter, der sich keiner sozialen Gruppe zuschreiben lassen wollte und war trotzdem Celebrity und darling des internationale Jet-Sets. Er war käuflich und verdiente viel Geld, das ihn letztlich unabhängig machte. Diese Einstellung ist verständlich für einen gesellschaftlichen Emporkömmling und ewigen Entrepreneur.

Der Common Ground aller genannten ist die unbedingte Freiheit und das Recht seine Überzeugung zu verkörpern und zu versinnbildlichen. Freiheit ist Willensfreiheit. Das Problem unseres Freiheitsbegriffes ist, das zu viele Denker und Philosophen den Begriff der Freiheit mit dem Begriff der Verantwortung, Ethik und Moral verbinden. Hierbei ist der kategorische Imperativ von Immanuel Kant nur eine besonders nachhaltige Determinante. Der Materialismus erkannte die Kraft der Naturgewalten und betonten die instrumentelle Vernunft im Kontext mit den Wissenschaften. Neuerdings behaupten Neurologen der freie Wille sei eine reine Illusion. Aber lassen sie uns weiter mit dieser Illusion leben und nicht in eine finale Agonie verfallen. Der Marxismus geht ähnlich wie die aktuellste neurologische Forschung davon aus, das die Freiheit eine reine Erfindung ist, jedoch unterstellt sie, anders als die Neurologie, die chemische, elektronische Prozesse untersucht, das der Mensch trieb- und milieubedingt handelt. Wichtig hierbei ist der soziale und wirtschaftliche Kontext, indem sich der jeweilig Handelnde bewegt. Wenn das alles stimmt, dann herzlich willkommen im Hamsterrad.
Hornsleth, der aus den Beverly Hills von Kopenhagen stammt und eine wirtschaftlich sorglose durch Eliteschule und Studium beförderte großbürgerliche Karriere als Architekt hätte einschlagen sollen, wurde in den letzten Jahren zum Star seines eigenen Freiheitskultes. Dieser Kult benutzt kulturelle Codes, die sich an Mainstream Codes des Punk, Hip Hop sowie Hardcore und Hardcore Pornographie anlehnen. Hierbei werden bewusst gesellschaftliche Erwartungshaltungen konterkariert und Personen des öffentlichen Lebens attackiert.

Dieser Trick der Öffentlichkeitsarbeit ist eine bewusst eingesetzte Strategie um Öffentlichkeit zu erzeugen, aber gleichzeitig auch Ausdruck des Ekels und der Abscheu vor gesellschaftlichen Konventionen und Erwartungshaltungen. Bildungsbürgertum ist widerlich und die Pharisäer dieser gesellschaftlichen Gattung sind die Totengräber künstlerischer Freiheit. Diese gesellschaftlichen Opportunisten und Pseudointellektuelle sind natürlich dann zur Stelle, wenn die Erfolge sich einstellen. Dies kann man an Lars von Trier, Aki Kaurismaeki, Franz West und vielen anderen und ihrem nachträglichen Erfolg bei den kulturellen Elite-Kadern nachzeichnen. Die Niederträchtigkeit dieser Haltung wird von Hornsleth benannt und bewusst attackiert. Allein Kaurismaeki erschien nicht zur Oskarpreisverleihung und nutzte stattdessen seine Sprechzeit um per Film der Politik von Bush entgegenzutreten. „Get a job Sucker" oder „Fuck you Artlovers" sind Ausdruck dieses Bewusstseins.

Fun, Fame, Fortune
'Fun, Fame, Fortune' ist eine alte Parole aus gemeinsamen „Permanent Vacation" Tagen. Permanent Vacation war der Name für die anarchische Urzelle, die wir vor Jahren in Berlin gründeten und die immer einmal wieder zu Ehren kommt, wenn es Projekte gibt, die jenseits unserer eigenen Verhaltensspielregeln stattfinden. Permanent Vacation war ne Aktionsgruppe, die einer terroristischen Kernzelle nicht unähnlich, konspirativ künstlerische Strategien forcierte, die die gängigen Kunsterwartungen und uns betreffende gesellschaftliche Regelwerke subvertierten. „No artificial limits on Permanent Vacation". Unsere Kollaboration begann jedoch früher, eigentlich mit einem Missverständnis und einer Rolexuhr.
Das Missverständnis bestand darin, das mich ein dänischer Maler „the Malerfreak" anrief und mich treffen wollte, um mir seine Bilder zu zeigen. Diese Bilder interessierten mich nicht. Stattdessen fragte ich höflichkeitshalber seine Begleitung nach seinen Aktivitäten fragte. Dieser zeigte mir seine Rolexuhr. Keinen Affront vermutend, schaute ich mir die Uhr genauer an. „Fuck You Artlovers". Dies gefiel mir, weil es meiner Müdigkeit in bezug auf den Kunstmarkt und das Szenegeschehen mit einer Mischung aus Sarkasmus und Ironie auf den Punkt brachte. Kristian Hornsleth hatte noch mehr zu bieten, nämlich eine „Smith and Weston", ein Gerber-Knife, ein Paar Loydsschuhe, alle mit dem Slogan versehen „Fuck you artlovers. Hornsleth" und eine Reihe von Bildern, die mich teilweise wirklich berührten. so die beiden Bilder mit Weltkriegsaufnahmen von Gehängten und Exekutionen über die er „Fuck You Artlovers" und „Kill the Bitch" schrieb und die heute neben meinem Bett hängen. Hier war jemand bereit wirklich etwas auszuprobieren, was ihm selbst und vor allem anderen weh tat und weh tun sollte. Dies stellte den Beginn einer Kollaboration und einer bis heute andauernden Freundschaft dar.

Hornsleth zog kurze Zeit später von Kopenhagen nach Berlin und wir begannen uns zu überlegen wie man diese künstlerische Haltung und deren Produkte vermarkten könnte. Wir kannten beide Werbe- und Kommunikationsagenturen und hatten dort die damaligen Begrifflichkeiten und Kampagnenspielarten kennen gelernt. Hornsleth arbeitete in einer kleinen Ladenwohnung in Neuköln, die ihm „Big Al" (Alexander Laurisch) besorgt hatte und produzierte insbesondere Bilder. Er folgte damit der Idee „Practice hard, all time". Auch zu den Bildern gab es lustige Geschichten wie das Bild mit Helena Christensen, auf dem „Go To School. Hornsleth" stand und vor Ausstellungsbeginn schon von einem ihrer Verehrer in der Galerie Stalke gekauft wurde oder sein Kommentar zum dänischen Königshaus.
Indem er die Söhne abbildete und „Poor Motherfucker.Hornsleth" oder „Inzest Royal.Hornsleth" draufschrieb und dies konsequenterweise mit seinem Namen autorisierte. „God save the Queen". So blieb es seine persönliche Meinung und sein persönliches Statement. Verkaufstechnisch ein großer Erfolg. Trotzdem musste er eine Menge Bilder verkaufen um zu überleben und so half ich ihm aus Hornsleth eine Firma zu machen, die Hornsleth hieß und Produkte mit dem Namen Hornsth herstellte. Jedes Kunstwerk sollte einerseits ein Produkt sein und andererseits für die Marke Hornsleth werben. Nach einigen Monaten hatten wir eine kleine Fangemeinde zusammen, die sich einerseits aus Kunstfreunden (Artlovers), aus Freaks und aus Medienleuten zusammensetzten. Alle gemeinsam versuchten wir Kristian zu helfen und wir versuchten einerseits Publizität für Hornsleth zu erzeugen und andererseits ein kleines Unternehmen aufzubauen.

Zuerst jedoch gelang dies nur mit großer Mühe, auch wenn wir immer wieder Zeitschriften fanden, die sich mit uns einließen. So produzierten wir einen Adventskalender für eine „Leonce" (Karl Heinz Lubojanski), der in 10.000er Auflage unsere vermeintliche Zielgruppe erreichte: „Forget Christmas und Fuck 2000". Der Kalender war wie eine Din A2 große Werbung für die diversen Auflagenprodukte, die Hornsleth in der Zwischenzeit produziert hatte. Hier halfen uns die fabulous bulgarian girls Milena, Kalina und Tanja. Kalina und Tanja (ihnen widmete Hornsleth seinen Spruch „Big in Bulgaria") verdanken wir den wunderbaren Bikini, den Hornsleth mit dem Spruch versah „Fuck me Daddy" und der mit einem schwarzen, wunderschönen Mädchen fotografiert wurde und als Werbung in der Zeitschrift Flashart einigen Ärger verursachte. Dieses Foto wurde Bestandteil einer Kampagne mit ganzseitigen Anzeigen, die Hornsleth über ein Jahr lang in Flashart schaltete und die mit zu seinem Bekanntheitsgrad jener Jahre geführt haben dürfte. Der Bekanntheitsgrad nach solchen Aktionen stieg stetig an und andere Magazine wie Style and the Family Tunes (Katy&Jbo) taten mit Artikeln ein übriges. Hornsleth wurde also sukzessive bekannt und natürlich trug „Fuck me Daddy" oder „Fuck Christmas" nicht dazu bei das seriöse Sammler ihr Geld anlegten, sondern das Freaks und die Szene das ganze Geschehen verfolgten. Hornsleth wurde in diesen Tagen in Berlin zu einer Kultmarke, deren Produkte aber immer noch zu wenig Menschen kaufen wollten, auch wenn immer wieder einzelne die Arbeit durch Ankäufe unterstützten.

Eines Tages im Zusammenhang mit den Manschettenknöpfen entstand ein Kontakt zu Bucherer in Berlin. Die damalige Geschäftsführerin Kate Merkle zeigte sich erstaunlicher Weise sehr interessiert. Interessiert an dem Ganzen - sie hatte einige wirklich sehr gute Kampagnen für Bucherer in Berlin bereits veröffentlicht - und an Kristian im Besonderen. Kristian und Kate ein Paar. Kristian begann also mit ihr zusammen über eine Schmuckkollektion nachzudenken und diese zu zeichnen. Ich erinnere mich an ein Gespräch in dem Berliner Bistro „Manzini", in dem sie mir rund zwanzig Stücke als Skizzen zeigten und ich einigermaßen erschrocken war, als ich die Produktionssummen für das Edelmetall und die Edelsteine hörte, die hier verarbeitet werden sollten. Dies alles natürlich im Stil von Hornsleth.
Ich hörte mich etwas von Vermarktungsmöglichkeiten, Kultmarketing und anderen Möglichkeiten erzählen, aber man muss mir wohl die Ratlosigkeit angemerkt haben. Wieso wollte ein Unternehmen wie der distinguierte und konservative Schweizer Juwelier Bucherer rund 100.000 DM in Hornsleth investieren? Bis heute habe ich dies nicht verstanden. Dieser Coup den Kristian gelandet hatte, überstieg mein damaliges Vorstellungsvermögen. Warum würde Bucherer eine Rapperkette in Silber auflegen auf der „Fuck, Kill, Rape, Burn" oder eine Ziggarenhülle mit „Get a Job Sucker" oder eine Visitenkartenbox mit „bored to death"... . Allein jedem unsere Freunde gefiel es und wir konnten es in Ausstellungen in Hamburg (Peter Lony), in München (Jörg Heitsch), in Köln (Mirko Mayer) zeigen. Einmal sogar verkauften wir ein Stück und fühlten uns wie Könige. Alle Geschichten, um diese Ausstellungen zu erzählen würde den Zusammenhang sprengen. Ich erinnere mich jedoch an eine spektakuläre Fashionperformance mit einem wunderschönen schwedischen Mädchen, das ich nie wieder gesehen habe. Thuwe.

In dieser Zeit muss es über Roberto und Tiziana, alte Freunde, die damals für Flashart arbeiteten und später eine Bedeutung erzielen sollten, einen Kontakt zu der Witwe von Giorgio Strehler, deren Namen ich leider vergessen habe, gegeben haben. Also fuhren wir nach Mailand zu einem Abendessen zu dieser Dame, die damals einen Ausstellungsraum in Mailand betrieb „Bureau des Esprits" glaube ich. Jedenfalls wollte sie die Schmuckkollektion kaufen und ein Ausstellung organisieren. Wir kamen zu dem Essen jedenfalls so zu spät, das sich dieses Thema dann auch fast erledigt hatte. Es gelang Kristian jedoch die Dame noch für einige Monate bei Laune zu halten und wer wollte sich schon mit dem Strehler Clan in Mailand anlegen. Auch wenn, wie wir später erfuhren, es sich wohl um die Geliebte des Maestro gehandelt haben dürfte. Allein wir wollten zu einer Ausstellungseröffnung von Heinrich Nikolaus in Venedig und nahmen diese Ausstellung zum Anlass nach Mailand zu fliegen.

Diese Ausstellungseröffnung bei Venice Design wurde auch zu einem denkwürdigen Ereignis. Die Bilder der Ausstellung blieben mir durch das Begleitbuch in Erinnerung, das was ich aber wohl nie vergessen werde, waren die begleitenden Geschehnisse Sergio Risalitti, Inge Feltrinelli und uniformtragende Militärs bei einem Abendessen in einem Palazzo in Venedig. Insbesondere Hornsleth der es sich nicht nehmen ließ an einem Piano platz zu nehmen und eines seiner improvisierten Klavierstücke in virtuos und unter großem Beifall zu spielen. Was außer mir jedoch keiner wusste, der Titel des Stückes hieß „Fuck Off", das ich schon gehört hatte. Ich konnte nicht mehr: diese degenerierten, hochdekorierten alten und völlig überkommenen surreal übererzeichneten felliniesken Figuren, die in ihre Hände klatschten als Hornsleth sich wieder erhob und sich tief verbeugte. Ich konnte nicht mehr. Ansonsten war der Abend bestimmt von meiner Distanzbewunderung, die ich der Frau von Feltrinelli (diesmal der richtigen Frau Felrinelli) entgegenbrachte. Feltrinelli war überhaupt vorbildlich! Später kahm es dann auf dem Markusplatz zu einer Prügelei mit Sergio „Risotto" Risaliti, der zuerst sehr charmant, dann bittend, dann entnervt und schließlich handgreiflich darauf hinwies das er jetzt bitte schlafen gehen wollte. Ich glaube Roberto war es, der es in Form eines Handgemenges ausgetragen hat. Die Reise war aber auch deshalb wichtig, weil Hornsleth über Roberto und Tiziana nach Albizola eingeladen wurde, mit Ton zu arbeiten und dies führte zu einer Werkkomplex, den ich bis heute für den künstlerisch stärksten von Honrsleth halte.
Beggars can't be choosers
Im Nachhinein hört sich alles wie ein einigermaßen spannender und lustiger Film an. Es war jedoch anders. Sicher hat sich alles in meist noch überspitzterer Form zugetragen und wir alle hatten meistens großen Spaß. Aber es war ständig von absolutem Geldmangel und ständigen wirtschaftlichen Engpässen geprägt. Diese Engpässe haben uns sicherlich dazu verleitet, naiv wie wir waren, zu glauben unsere Situation mit extremen Maßnahmen zu verbessern. Wir haben erheblich darunter gelitten nicht genügend Geld zu verdienen, wie andere, die wir in der Kunstwelt kannten und die auf ihrem konventionellen Weg durch die Galerien und den klassischen Kunstmarkt langsam zu Geld kamen. Wir waren damals davon beseelt das richtige zu tun. Ich erinnere mich an eine Rückfahrt mit einem Van.

Kristian besaß egal wie schlecht es ihm ging immer einen kleinen Transportbus. Jay Babcock zitiert Dez Cadena (third Black Flag vocalist, later guitarist): "When the Ramones first came to L.A., we knew Ganz ähnlich sah und sieht dies Kristian bis heute. Jedenfalls fuhren wir im Anschluss an ein Ausstellung von Yuan Shun eines Nacht von Schloß Wiepersdorf, einem Schloß, das in der Romantik Bettina von Arnim gehört haben soll, und saßen im Fond des Vans zusammen mit Heidi Fichtner, einer Frau, die sich in der Kunstwelt aufhielt, aus New York kam, und verschiedenste Jobs machte. Wir saßen im Fond des Wagens und fuhren sehr schnell nachts durch eine jener schmalen Alleen, wie sie sich überall in Brandenburg befanden und heute noch befinden. Plötzlich schaltete Hornsleth das Licht des Wagens aus und
erhöhte das Tempo erheblich. Heidi hatte verständlicherweise erhebliche Angst und schrie vor Angst. Kristian und ich begannen hysterisch zu lachen und verkündeten, wenn es uns gegeben ist jetzt zu sterben, sterben wir jetzt und du mit uns, wenn nicht, dann passiert uns nichts und wir kommen heil zurück nach Berlin. Ich wusste in diesem Moment, was er meinte und ich war derselben Überzeugung. Heidi, die seither ein distanziertes Verhältnis zu uns hatte, überlebte und beschimpfte uns. Es war unser Verständnis von Buddhismus in jenen Jahren.

Geschichten dieser Art gibt es viele und sie fallen mir sicher irgendwann wieder ein. Es war eine wirklich schöne Zeit und Hornsleth wurde natürlich durch solche Aktionen immer bekannter und berüchtigter. Ich möchte diese Zeit nicht missen, auch wenn wir später viele unterschiedliche Auffassungen zur Kunst hatten. Kristian ging dann wieder zurück nach Kopenhagen und wurde dort berühmt wie ich höre. Ich blieb in Berlin und blieb das was ich immer gewesen bin manisch-depressiv.

Wir blieben gute Freunde, auch wenn es mich manchmal sehr geschmerzt hat zu sehen, wie weit sich Hornsleth mit Dildo Jill und anderen auf ein Kommunikationsniveau begeben hat, das ich nicht mehr aus der Sicht eines Künstlers und Kunstwissenschaftlers nachvollziehen konnte. Aber es war der richtige Weg für ihn und er bleibt der Punkrocker, der er für mich immer war und wohl auch sein wird. Einige Jahre später haben wir in Berlin noch einmal zusammen gearbeitet. Dies war noch einmal ein großer Coup. Wir die DKR (Deutsche Gesellschaft für Kunststoffrecycling) ein Unternehmen dazu eine über 50 Meter und 2 Meter hohe Vitrine mit Plastikabfällen zu füllen und von Innen zu beleuchten. Die Geschichte begann mit dem dänischen (!) Regalhersteller Monatana Meubles und seinem geschäftsführenden Gesellschafter Peter Lassen, der sich bereit erklärte in einer Ausstellung in einem Vorhaltebahnhof für eine zukünftige U-Bahn einige monumentale Regalwände einzubauen. Er schlug vor eine überkragende Betonfläche aus Sicherheitsgründen mit einer Glasfläche zu verschalen und diese mit Plastikabfällen zu füllen.

Die DKR erklärte sich dazu bereit und stellte diese Vitrine her. Meine Idee war jedoch von Anfang an diese Vitrine zu einer Arbeit von Hornsleth zu deklarieren, indem Hornslet einen Spruch auf die Vitrine anbrachte „Improving Perfection". Diese Art der Autorenschaft, die ja nicht die Idee von Peter Lassen beanspruchte, noch behauptete die Idee der Vitrine gehabt zu haben, sondern nur die Idee mit einem Spruch versah und dies als Arbeit von Hornsleth deklarierte, rief großen Ärger hervor, aber die Arbeit war großartig. Vielleicht eine der bisher monumentalsten Arbeiten, die Hornsleth produziert hat. Sie war im Zentrum des Interesses. Das also worum wir uns einige Jahre bemüht hatten, gelang an dieser Stelle quasi en passant.

Die Geschicht von Kristian Hornsleth ging nach Berlin weiter und viele von den Menschen mit denen er diese Geschichten erlebt, werden ähnliches zu berichten haben, aber mir war das Glück beschieden die Strategie und die Ideologie von Anfang an mit zu entwickeln. Wir wollten uns nie anbiedern, „if you be nice to the right people on the way up, you sooner or later meet them on the way down". Wir waren immer von Stolz erfüllt, wenn wir zurück sahen und so ist es bis heute auch wenn wir wissen, das wir es wahrscheinlich so nie wieder machen würden. Es war uns immer wichtig den Beifall von den für uns richtigen Leuten zu erhalten, es ging uns nicht um das opportunistische Gewürge von all den Kunstwixern, die sich immer wichtig machten, um dann mit dem Geld ihrer Frauen, Ihrer Eltern oder von solchen die dazu gehören wollten abzuschieben. Wenn wir heute Champagner trinken dann schmeckt er nicht nach Scheiße, wie bei all denen die auf ihrem Weg nach oben zu viele Ärsche geleckt haben. Wir waren naiv genug überzeugen zu wollen, überzeugen mit dem was wir wollten und dem was wir taten. Uns ging es um unser gedankliche Freiheit, um unsere gesellschaftliche Unabhängigkeit und never mind the Bollocks. Oder wie Greg Ginn dem Gitarristen und main Songwriter von Black Flag in dem Text von Babcock sagt: "The beginning and end of it was always working on the music". Uns ging es letztlich immer um die Kunst!
Wolf-Günther Thiel, Independant German Art Historian, Cultural Engineer, Berlin, 2005