Klaus Weibel über Hornsleth beim Kunst haus Wien

EIN PERFORMANCE VORTRAG

Szenerie:

Die Szene beginnt: Sie sitzt auf einem Stuhl, auf einem Podest im Licht. Es vergeht eine, es vergehen zwei Minuten. Neben ihr wird ein Tisch mit einem Mikrophon erleuchtet. Spot an. Der Schauspieler tritt aus dem Dunkel hervor und stellt sich vor und erläutert, das er jetzt das Buch vorstellen wird. Er setzt sich an den Tisch und beginnt in dem Buch zu blättern und beginnt zu lesen. Bitte legen sie jetzt das erste Dia ein. Er zündet sich eine Zigarette an und nippt am Wasserglas. Der Text ist eine Beschreibung einiger Geschehnisse, der Reise.

Plötzlich beginnt er öffentlich den Text zu unterbrechen und stellt sich Fragen, bezweifelt den Sinn des Textes und beginnt damit sich selbst, dann dich und schließlich uns zu kritisieren. Nächstes Dia. Das Geschehen nimmt Formen an, warum gerät immer er in diese Art von Situationen, exponiert und allein vor einem Publikum, das auf den großen Bang wartet, den er jetzt liefern muss. Wenn die Kunst zu schwach ist lebt sie von der Inszenierung und die muss er jetzt leisten. Und dann spricht er das Mädchen an. Das Mädchen reagiert nicht, es macht laute, völlig unverständlich und er kritisiert sie, dies sei schließlich kein Schauspiel, sie solle mal erklären, warum sie dort sitze und warum sie sich so exponiere? Sie ist ihm keine Hilfe und er versucht im Text Erklärungen zu finden. Warum ist sie da? Alles Lüge!

Das Mädchen verändert ihren Gesichtsausdruck, zuerst unbemerkt und dann bemerkbar. Der Schauspieler beschäftigt sich mit dem Text und versucht eine Erklärung zu finden. Nächstes Dia. Improvisieren, hatte der Künstler gesagt, improvisieren Sie und versuchen Sie sich auf die Situation einzulassen. Vertrauen Sie ihrem Instinkt! Was heißt denn das jetzt, was soll ich denn jetzt tun, schließlich werde ich hier bezahlt, also lese ich auch. Der Text beginnt. Der Text ist launig, bemüht unlangweilig, distinguiert, nicht brutal, offen, schonungslos, selbstkritisch und voller Ironie. Das Mädchen beginnt merkbar zu bluten.

Der Schauspieler ignoriert, versucht zu ignorieren, schließlich fassungslos staunend, nicht hilfreich. Er lenkt durch seinen besorgten Blick zusätzlich das Interesse des Publikums auf diesen Sachverhalt. Er bietet Hilfe an, unverstanden und hilflos. Er nimmt die Kritik wieder auf und wird direkter, er beginnt zuerst die Situation zu beschreiben, sich selbst in der Situation zu beschreiben, dann die eigene Hilflosigkeit zu unterstreichen und schließlich mündet der Monolog in ein wütendes Lamento. Der Künstler ist schuld, die Kunst ist schuld. Provokation muss heute lächerlich wirken. Scheiß Intellektuelle, lieber ein Bier im Alt Wien mit Freunden und nicht dieses Dilemma. Worum geht es hier eigentlich, es ging doch eigentlich um eine Buchpräsentation. Wer ist den eigentlich Jönke von Danmark? Leiter der Hells Angels in Dänemark seit Jahren im Knast, wegen Mordes.

Was sind das für Typen, die mit solchen Figuren ein freundschaftliches Verhältnis pflegen. Was vertreten solche Menschen für Werte. Scheiße das Mädchen blutet ja immer noch. Warum geht sie nicht einfach, warum gehen wir nicht einfach zusammen. Wo sind die den eigentlich diese Freaks? Ich gehe jetzt einfach, aber was mache ich mit dem Mädchen? Soll ich sie hier sitzen lassen? Sie scheint sich mittlerweile mit ihrer Situation abgefunden zu haben. Also warte ich noch etwas ab und lese einfach noch ein wenig in dem Buch. "Wien, Wien nur du allein". Schließlich steht das Mädchen auf und geht auf ihn zu. Verabschiedet sich bei ihm und geht von der Bühne. Er bleibt völlig verblüfft sitzen. Voller Verblüffung schaut er das Publikum an. Das Licht geht aus, er bleibt sitzen. Hornsleth tritt auf, die Blutlache ist im vollen Spot. Er schreibt mit dem Finger Hornsleth in die Blutlache. Er macht ein Photo und lädt es in den Computer. Ende der Szene.



Text:

Guten Abend meine Damen und Herren,

ich bin engagiert worden um das Buch "Fuck you Artlovers Forever" von Kristian von Hornsleth zu präsentieren. Als mich Alexandra Millner gebeten hat mir das Projekt anzusehen, war ich natürlich neugierig und fühlte mich insgeheim geschmeichelt. Alexandra Millner, Kunsthalle Wien, dänischer Künstler, das Buch, alles schien ganz in Ordnung zu sein. Also habe ich zugestimmt, natürlich gegen ein gutes Honorar.

Ich habe mir also das Buch angesehen, habe es durchgeblättert und habe die Texte gelesen. Die Texte waren so unterschiedlich, dass ich mich am Ende gefragt habe, was ist denn jetzt die Position, die ich einnehmen kann. Ehrlich gesagt, wenn sie mich persönlich fragen: Fuck you artlovers, Kill Steal Rape Burn oder Fuck my Brains out, finde ich sehr platt und wenig provokativ, denn wer geht eigentlich diesen ganzen Künstlerfiguren noch auf den Leim. Wer glaubt diese oberflächliche Soße über dem Kunstmarktgeschehen eigentlich noch. Diese unterbelichteten Serienpinsler mit Pseudotiefgang aus Leipzig und der gesellschaftlichen Auffassung eines guten Butlers im herrschaftlichen Hause.

Ein langweiliges Betriebssystem stabilisiert von Bauerfängern, Trickbetrügern und Schiebern und das nach dem Hütchenspielprinzip. Reiche Leute wollen sich selbst betrügen und lassen sich gerne verführen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und einer guten Geldanlage. Kennen wir alle. Was soll das also? Fuck You!„ Und jetzt kommt dieser Däne, Modell „Spoiled Bratt aus Kopenhagen, als Kind zuwenig geliebt und führt seinen eigenen bescheidenen Feldzug gegen die ausgespähte gesellschaftliche Elite, die ihn, den sensiblen Außenseiter nie genug geliebt hat. Der Papa wird‚s schon richten ... Und was ist sein Ziel: geliebt und geachtet zu werden. Welche bodenlose Schizophrenie und gleichzeitig wie kindlich gedacht. Imponiert mir einfach nicht. Get a job sucker! Den Spruch fand ich ganz passabel. Möchte man ihm zurufen: Werd erwachsen, such dir einen richtigen Job und lerne aus den vermeintlichen Fehlern deiner Eltern.

Und dann dieses ganze offensichtliche Zeug, wie nennt man das eigentlich, was er macht? Malerei, Skulptur, Fotografie und dann Schmuck? Unglaublich oberflächliches Geschwafel, etwa so wie im Alt Wien, wenn sich die Freunde, völlig besoffen über die Kellnerin streiten, die natürlich völlig nüchtern angewidert immer wieder in den Sturm der Erregung Bier bringt, um die Gemüter jedes Mal ein bisschen stärker zu erhitzen. Bis die Burschen schließlich einschlafen, vom Stuhl fallen und rausgeschmissen werden und die schöne Kellnerin völlig übermüdet ihr Frühstück einnimmt und dann mit einem der Bahnen - entgegengesetzt zum Berufsverkehr - nach Hause fährt und völlig erschöpft einschläft und am Abend das gleiche wiederbeginnt. Und dann kommen solche Klugscheißer aus Dänemark und versuchen uns zu provozieren. Langweilig!

Versuche der Kellnerin die Bilder zu erklären und sie wird unterbrechen und sagen, wenn sie höflich ist - was sie aus Berufgründen immer ist - das sie schon wieder auf dem Sprung ist und ihr Kind aus der Schule holen und zur Oma bringen muss. Sie sagt, sie wäre sicher die Falsche, um über so etwas zu sprechen. Sie würde jeden Tag, jeden Hundstag, damit zubringen ihr Leben zu meistern. Und wenn Kultur, dann gehe sie einmal im Monat ins Kino. Und jetzt kommt dieser Däne und versucht uns die Welt zu erklären, was soll das? Scheiße, auf was habe ich mich hier nur eingelassen. Politisch Korrekt, war ich nie, war immer ein zu spießiges Modell für mich. Regeln, die sich Politiker geben, um im Fernsehen die Fettnäpfe zu umgehen. Political Correctness als Gratmesser des gesellschaftlichen Opportunismus der ersten Güteklasse. Und mit 57 gibt es den großen Orden des Vaterlandes.

Habe ich nie gemocht, wollte ich nie, wollte keiner meiner geschätzten Kollegen und jetzt das. Jetzt beziehe ich eine Position der Political Correctness. Hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Jetzt ist es also wieder passiert, ich sitze in der Falle und muss in einer Situation Haltung bewahren, die ich persönlich verabscheue. Die Kunst ist keine Kunst und ich muss ihnen heute plausibel machen warum dieser Däne eine herausragende künstlerische Gestalt ist. Ich wusste nicht wie und ich weiss bis heute nicht wie.

Also habe ich mit Alexandra gesprochen und um einen Text gebeten, den ich hier vortragen könnte, schließlich bin ich Schauspieler und kein Kunstversteher. Alexandra lieferte dann mit Achselzucken den Text von Thiel ab und sagte, versuch was daraus zu machen! Das schaffst du schon, wirst sehen. Ich las den Text und dachte Scheiße, da kam also ein pseudointellektueller Text mit Tiefe und versuchte sich selbst mit Kunsttheorie zu sanktionieren oder mit Erlebnisschilderungen von einer Reise zu schmücken. Ich verspreche Ihnen: Interessiert sie nicht und mich schon überhaupt nicht. Ich meine ehrlich wer will schon lesen wie Hornsleth und Thiel in Triest in der Fußgängerzone sitzen und einer schlechten Schülerrockband zuhören wie sie "Knocking On Heavens Door" singen.

Besonders bescheuert die Elegie, warum die Sängerin die hohen und die tiefen Töne nicht trifft. Dann die Sequenz mit der British Bulldog Hündin mit Namen Johnny, die sich aus heiterem Himmel zwischen sie legte und den Abend mit ihnen verbrachte. Wie langweilig! Und dann sind die beiden auch noch so unterbelichtet zu einer politischen Veranstaltung von Berlusconi zu gehen, um dort billig Fisch im Hafen zu essen. Ich meine wie naiv sind die Jungs eigentlich und dann auch noch dies als pseudo-subversiv in einen Text zu schreiben. Ich hätte kotzen können. Aber es war zu spät, ich hatte zugesagt und die Einladungen waren gedruckt und ich wollte hinterher nicht erklären müssen, warum ich es nicht hatte tun wollen. Also stehe ich heute hier. Verzeihen sie mir: Meine Damen und Herren Hornsleth ist ein großer Künstler und das Buch ist großartig. Also fangen wir an.

Ach so, wenn Sie wissen wollen, wer dieses hübsche chinesische Mädchen ist, müssen sie die Veranstalter fragen. Es ist eine junge Schriftstellerin, Jade, und kein Thailandimport wie mir versichert wurde. Ich habe versucht mit ihr zu sprechen, aber sie spricht kein Deutsch, schon gar kein Österreichisch. Alexandra hat mir erklärt sie ist taubstumm. Hornsleth und Thiel haben sie in Düsseldorf bei einer Grillparty kennen gelernt und fanden es witzig sie hierin zu setzen. Kommentarlos. Meinen Kommentar können sie sich denken, es ist alles Bullshit, aber schön ist sie und nett sieht sie aus. So ein bisschen wie Maggie Cheungin dem Film "In The Mood For Love".

Lassen Sie uns anfangen, erstes Dia bitte.

Kristian Hornsleth lebt und arbeitet in Kopenhagen. In den letzten 12 Jahren ist er einem größeren internationalen Publikum durch seine Provokation "Fuck You Artlovers" bekannt geworden. Er benutzte diesen Claim, um seinen Unwillen zum Ausdruck zu bringen, sich dem Geschmack der so genannten Kunstwelt und ihrer Kunstliebhaber zu beugen. Hornsleth wurde zum Synonym für Aggression in jeder Hinsicht auf die Rezeption von zeitgenössischer Kunst und in jeder Ecke der Kunstwelt. Er schaffte es durch seine Aggression, seine anarchistische Grundsatzopposition und seinen Stil, Kunst zu produzieren und eine anwachsende Gruppe von Enthusiasten an sich zu binden. Diese Menschen sind nicht unbedingt Kunstliebhaber, aber sie genießen die anarchistische, raue, manchmal an Hardcore Elemente angelehnte künstlerische Ausdrucksweise.
Sie gehören zum Vorstand der SaxoBank, Kopenhagen wie zu den Hells Angels, Danemark, sie sind Verleger in Düsseldorf oder Investmentbanker in Paris oder Zürich, es sind Intellektuelle in Berlin oder Keramiker in Albizola, es sind Frauen und Männer, Jugendliche und Rentner. Hornsleth ist kein Stilfetischist, sondern verkörpert in seiner Arbeit eine Grundsatzopposition, eine Haltung der Totalverweigerung. Diese Haltung in der Tradition der Anarchisten wird von vielen geteilt.

Nächstes Dia bitte, links und rechts.

Lassen Sie mich bitte kurz die Bilder beschreiben, um Sie ins Thema einzuführen. Was Sie sehen ist eine Exekutionsszene, die wir mit unserer gemeinsamen Vergangenheit gerne isoliert den Deutschen zuordnen. Faktisch könnte Sie auch Russland, China, Bosnien oder Indochina zugeordnet werden. Hornsleth schreibt mit roter, bluttriefender Schrift ≥Fuck you Artlovers„ darüber. Wie gut das der Däne zu den Guten gehört und weder deutscher noch österreichischer Abstammung ist. Wenn er Deutscher wäre, würden wir uns angewidert abwenden. Als guter Däne aber ... Und dann die Erschießung einer Mutter mit Kind auf der Flucht. Und was schreibt er bluttriefend darüber ≥Kill The Bitch„. Wenn Sie mich Fragen geschmacklos, bodenlos zynisch und menschenverachtend.

Meine Damen und Herren ersparen Sie mir die Erklärung, die Thiel zu diesen Bildern mitliefert. Er fachsimpelt über die Aktualität der Bilder, er der Deutsche, spekuliert darüber, das diese Bilder heute genauso in Bosnien, im Irak und in Afrika aufgenommen worden sein könnten. Bewusstsein entsteht durch Konfrontation mit dem extremen Gegenteil, Humanismus als Resultat eines veränderten Bewusstseins. Ersparen Sie mir den unerträglichen Rest. Vielleicht nur so viel: Wie gestört muss jemand sein, wie er, der sich diese Bilder über 6 Jahre neben das Bett hängt.

Stellen Sie sich den Beischlaf vor und im Hintergrund diese Szenen. Völlig pervertiert. Entschuldigen Sie, das tollste wäre, wenn unsere wunderschöne Freundin Jade, Tochter von kambodianischen Flüchtlingen ist und sie vor dem Hintergrund der horrenden Kindheitstraumata im Krieg, die Sprache verloren hat. Kennen Sie das Stück Schwimmen nach Kambodia? Das wäre etwas für Hornsleth. Dort heißt es auf die Frage: ≥Was ist der Unterschied zwischen New York und Pnom Pen?„ In New York behauptet jeder Taxifahrer er wäre Künstler und in Kambodia behauptet jeder Künstler er sei Taxifahrer. Sie sehen wie diabolisch die Logik funktioniert und wie einfach man sich selbst in ihr verfängt.

Die beiden nächsten Bilder zeige ich Ihnen unkommentiert. Ich halte es für absolut degeneriert, geschmacklos und ethisch völlig bodenlos, billige Scherze auf Kosten von KZ-Opfern zu machen, auch wenn er Däne ist. Ich distanziere mich hiervon in aller Form und mit aller Entschiedenheit. Humanismus, das ich nicht lache. Machobullshit trifft die Opfer von Josef Mengele im KZ-Auschwitz wohl am wenigsten. Als Theodor Adorno schrieb, nach Auschwitz könnte man keine Gedichte mehr schreiben, hätte er diesen Künstler sicher mit gemeint. Adorno meinte man könnte keine Kunst mehr ohne kritischen Ansatz produzieren, keine leichtfertige künstlerische Äußerung mehr treffen, man müsse mit der Kunst Verantwortung übernehmen für sich selbst und für die Gesellschaft.

Man dürfe die Verantwortung der Kunst für das gesellschaftliche Geschehen nicht ignorieren. Und was schreibt dieser Idiot: Bewusstseinsänderung durch Konfrontation mit dem extremen Gegenteil des Gewünschten. Nur so würden sie eine Haltung für die Sache und gegen die Katastrophe einnehmen und ihr Bewusstsein ändern. Na ja bei mir hat dies nicht funktioniert, ich lehne diese Kunst grundsätzlich als moralisch und ethisch verwerflich ab. Ich möchte nichts mit Verballhornung von KZ-Opfern zu tun haben. Das Thema spielt keine Rolle in meinem Leben.

Hier spätestens müsste man den Vortrag unterbrechen und gehen. Und wenn ich Sie wäre würde ich dies auch machen. Allein, lassen Sie mich das Forum nutzen, um Ihnen diesen Künstler auszureden. Vergessen Sie alle Geschichten und den ganzen künstlichen Hype. Schauen Sie sich diese Bilder an! Um Sie richtig auf diesen teuflischen Humor einzustimmen lassen Sie mich kurz folgende Situation schildern, die mir berichtet wurde. Hornsleth präsentiert sein Buch in Kopenhagen und lädt die Pressevertreter, die zu gut drei Dutzend, den Skandal witternd erschienen, zu einem Schießstand ein. Und was passiert: Sie müssen sich in einer Reihe anstellen, dazu Karlsberg Bier.

Immer nur zwei dürfen vor in den Schießstand. Kurze Einweisung durch den Aufseher. Man legt sich hin mit einem Maschinengewehr, die Zielscheiben sind sichtbar und was ist auf ihnen zu sehen Gandhi und der Lady Diana. Dazu Candle in the Wind von Elton John. Die zwei feixenden Journalisten verstummen und schauen sich an. Die Aktion heißt "Face the Taboo" oder "Bedenke du bist nur Mensch". Sophistisch, der Spruch wurde dem siegreichen römischen Feldherrn auf seinem Wagen auf dem Weg durch die jubelnden römischen Volksmassen von dem Sklaven zugeflüstert, der den Lorbeerkranz über ihn hielt. Die Journalisten sind nun in der Kalamität, durch das Bier gelockert und vom Moment überfordert: Schießt der erste, Scheiß drauf. Der andere folgt.

Die Maschinengewehre schießen fast automatisch. Gandhi, Diana, was soll‚s, sind ja nur Bilder. Pause neue Scheiben ein verhungertes Kind im Sudan und ein stark behindertes Kind aus Rumänien und wieder fangen die Idioten an zu schießen. Dazu Imagine von John Lennon. "You might say I am a dreamer, but I am not the only one". Danach schweigen. Handschütteln, die Zielscheiben werden abgenommen, die Gesichter und Körper völlig zerschossen. Hornsleth signiert die Platten und übergibt sie den Schützen. Und dieses Prozedere wiederholt sich. Nur 1/3 der Journalisten weigert sich zu schießen. Thiel bemerkt hierzu in dem vorliegenden Text süffisant: Was Bier und Extremsituationen in einem Moment anrichten können ist absolut erstaunlich. Fest etablierte Journalisten tragende Mitglieder der Gesellschaft lassen sich so leicht bewegen auf alles zu schießen woran sie glauben. Und das nicht in der Zeit des Nationalsozialismus, nicht in Bosnien oder in Mi Lay, sondern an einem sonnigen Nachmittag im bürgerlichen Kopenhagen. Machobullshit? Meine Damen und Herren, die nächsten Dias bitte. Hier sehen sie das Resultat. Dies sind keine Erfindungen, sondern vier der Scheiben.

Die nächsten Dias bitte!

Als ich davon hörte und jetzt, da ich es ihnen erzähle, wird mir klar, dies ist kein Zynismus und kein Scherz. Dies haben sie in Wien, Mailand, Zürich, Berlin wiederholt, mit gleichem Resultat. Meine Herrschaften in Wien heute Nachmittag! Vielleicht wollen sich die Herrschaften kurz vorstellen, die Damen und Herren von der Presse. Keiner , natürlich nicht, seien sie nicht so bescheiden. Meine Damen und Herren die Schützen sitzen neben Ihnen! Und sie, die sie sich jetzt moralisch so überlegen fühlen, ja Sie, was hätten Sie gemacht? Political Correctness?

Können Sie sich vorstellen wie das im Nationalsozialismus oder im Stalinismus oder im Maoismus, in Bosnien, im Irak die Menschen überfordert haben musste, als die Gewalt Staatsdoktrin war und von den Menschen abgefordert wurde. Bis heute im Irak. Ich denke an Chemical Ali, Karacic, Idi Amin oder Pol Pott. Und wie hätten Sie sich in den Ländern zu dieser Zeit verhalten? Es waren nicht einzelne, die an Exekutionen oder Bombenangriffen teilgenommen haben, es waren viele. Viel mehr als die Geschichtsbücher anklagen, viel mehr als wir es uns wünschen und vielmehr als wir glauben wollen. Und vor allem Menschen von denen wir es nicht erwartet hätten. Was hat das mit Hornsleth zu tun? Die Frage beantwortet Thiel nicht und er schreibt es auch nicht. Fragen Sie die Schützen!

Anstelle dessen setzt Hornsleth dieses Mädchen auf die Bühne. Es ist Ihnen sicher aufgefallen das es blutet und sich trotzdem nicht bewegt. Vor dem Hintergrund des Geschilderten wollen wir gar nicht darüber nachdenken. Wir glauben es ist Theaterblut. Aber wissen tue ich es nicht und wissen möchte ich es auch nicht. Glauben Sie mir ich gehe gleich und dann wird mich Hornsleth in meinem Leben gesehen haben. Immer dann wenn der Name fällt werde ich mich abwenden oder raushalten.

Ich würde dem Mädchen gerne helfen, aber aus einem Grunde, den ich nicht nachvollziehen kann rührt mich das Bild an. Wenn ich Sie wäre, würde ich dem Mädchen helfen und schon geholfen haben. Aber ich sehe niemanden auf die Bühne steigen. Sie sehen fasziniert diesem Bild zu und ich hoffe die meisten hören mir zu. Ich habe wirklich gedacht Hornsleth ist ein absoluter Zyniker, aber was ich erlebe ist real. Was mit mir passiert ist real, was dem Mädchen passiert ist real, keiner bietet ihm ihre Hilfe an, nur weil sie auf einer beschissenen Bühne steht und irgend ein Künstler erklärt hierbei handele es sich um Kunst.

Der Künstler ist schuld, die Kunst ist schuld. Provokation muss heute lächerlich wirken oder?. Kennt er die Alpenmystiker mit ihren opulenten Passionsspielen aus dem Kreis der Wiener Aktionisten nicht oder will er sich lustig machen, wie billig. Blut und Nietsch, Opferlamm, der ganze Scheiß eben. Scheiße es wird immer schlimmer und ich sitze mitten drin, warum ich, warum und für was? Scheiß Intellektuelle.

Was trägt sie eigentlich für ein Collier: "Kill me fast". Was heißt dies nun wieder, Hornsleth, kommen sie und erklären sie uns das. Was soll das, sollen wir jetzt für dieses Schlamassel verantwortlich gemacht werden. "Kill me fast". Und Du Mädchen, kannst Du mir erklären, warum du bei einer solchen Aktion mitmachst. Du bist keine Schauspielerin, du bist freiwillig hier, freiwillig exponiert und dann das, hat man dir eingeredet das ist Kunst. Aus dem wunderschönen Kleid zu Bluten. Weißt du eigentlich wie blasphemisch dies ist, gerade im katholischen Österreich.

Wir leben hier in einem konservativen Land und gerade Wien, weißt du Mädchen. Ach ja Du verstehst mich nicht. Kannst Du nicht wenigstens ein bisschen verstehen. Du siehst der Maggie Cheung wirklich sehr ähnlich. Diese stilisierte Maria in dem von Wong Kar Wei vermittelten Asienbild zwischen Shungkin Center und Express Diner und dann ≥In the Mood for Love„, ach war die schön und du siehst aus wie sie. Kleine gelbe Mondprinzessin. Jade, darf ich dich so nennen, warum lässt du dich von Hornsleth stigmatisieren? Warum blutest du für ihn, was hast du davon? Würdest du auch für mich bluten? Weist du woher der Begriff Stigmata kommt? Stigmata sind die Narben und Wunden, die Paulus als ≥Sklave Christi„ davontrug. Es waren überwiegend Frauen, die die fünf Wundmahle Christi empfingen. Sie bluteten in den Handflächen, an den Füßen und an der linken Brust. Sie bluteten in der Nachfolge Christi und Du? Für wen tust du das? Für einen Psychopaten, der sich selbst Künstler nennt? Ein Künstler der Branding zum Leitmotiv nimmt, stigmatisieren kommt übrigens in der Wortgeschichte spätlateinisch von stigmare, brandmarken. Warum lässt Du dich von dem brandmarken? Du kannst mir ja doch nicht antworten, du kannst mich ja nicht einmal verstehen!

Kennst du Carl Zuckmayer? Ich hab mal den Fliegergeneral Harras gespielt, das Stück hieß ≥Des Teufels General„. Weist Du, der General ist zwar Gegner Hitlers, aber als begeisterter Flieger und Draufgänger ein erfolgreicher, mit Auszeichnungen überhäufter Soldat in dessen Diensten er stand. Als Entschuldigung sagte er: ≥Ich war des Teufels General: Nirgends in der Welt hätte man mir diese Möglichkeiten gegeben ˆdiese unbegrenzten Mittel ˆ diese Macht.„ Ich habe diesen General gespielt und jetzt sitze ich hier und versuche mit dir zu sprechen und dir zu erklären, warum ich hier bin? Du bist taubstumm, oder bist du eine perfekte Schauspielerin? Aber wen spielst Du? Wer bist du hier. Ich bin Georg und Du, wer bist Du?

Was vertritt dieser Hornsleth für Werte. Scheiße, du blutest ja immer noch. Warum geht sie nicht einfach, warum gehen wir nicht einfach zusammen. Warum gehe ich nicht alleine. Wo ist denn dieser Hornsleth eigentlich? Ich gehe jetzt einfach, aber was mache ich mit dir meine gelbe kleine Mondprinzessin? Soll ich dich hier sitzen lassen? Du lächelst, scheinst dich mittlerweile mit deiner Situation abgefunden zu haben. Weist du ich habe mal einen Fixer gesehen der an Bier und Wein und Erbrochenem erstickt ist. Scheiße, wir haben ihm nicht geholfen, weißt du, wir haben einfach weitergetrunken. Weißt Du worum es hier eigentlich geht? Warum kennst Du solche Freaks? Warum werden so schöne Frauen immer von solchen Freaks angezogen.

Warum lässt Du dich hierauf ein, warum sitzt du nicht im Imperial Hotel und dinierst mit einem gutgestylten und kultivierten Geschäftsmann, der Dich ins Burgtheater führt und morgen im Kunsthistorischen Museum die Sammlung zeigt, der mit Dir ins Sacher geht und der Dir bei Prada Schuhe kauft. Stattdessen hängst du rum mit Hornsleth. Weist Du eigentlich wer dieser Jönke von Danmark ist, ja der, der auch im Buch schreibt. Der Leader der Hells Angels in Dänemark seit Jahren im Knast, wegen Mord, Doppelmord? Ja, Ja, Ja, ich les den Text weiter vor. Ich kriege hier wütende Zeichen, es geht um das Buch und ich habe bisher nur über den Künstler hergezogen. Ja gut, dann führe ich das eben zuende.


Die nächsten Dias bitte.

Das Buch wurde produziert, um den verschiedenen Sammlern der Werke von Hornsleth den Hintergrund und das Werkumfeld als Bestandteil der Geschichte zu zeigen. Ihre Arbeit ist Bestandteil dieser Geschichte, die sich in Dänemark schon jetzt zu einem modernen Kult ausweitet. Jede Arbeit ist in bester Qualität in Farbe gedruckt und wird darüber hinaus in einem Werkverzeichnis genau im Werkverlauf verzeichnet. Hornsleth sieht das Buch als Dankeschön an seine Sammler, die von Anfang an, an ihn und sein Werk geglaubt und es unterstützt haben. Es gibt über 150 private und institutionelle Sammler seiner Werke. Sie leben in Shanghai, Honolulu, Los Angeles, Chicago, New York, London, Paris, Milan, Berlin, Stockholm, Kopenhagen und noch einmal so viele in Jutland.

Das Buch dokumentiert alle Arbeiten in einer herausragenden Farbqualität und bietet eine eindrucksvolle und luxeriöse Möglichkeit die Arbeit von Hornsleth zu sehen. Die Abbildungen werden von über 40 Artikeln, Interviews und Essays begleitet, die von Menschen von unterschiedlicher Profession und mit unterschiedlichem Zugang zum Werk verfasst werden. Es sind keine konventionellen oder wissenschaftlichen Texte, sondern Beweise für den jeweiligen spezifischen Zugang zu dem Werk und der künstlerischen Haltung Hornsleths. Die Texte sind lesbar und amüsant, informativ und provokant, nie langweilig und immer ungewöhnlich. Autoren wie Michael Jepperson, Ole Lindboe, Richard Leydier, Michael Rooks or oder Jönke von Danmark steuern substantielle Texte über den Künstler und seine Arbeit bei. Es ist dieser persönliche und oft emotionale Zugang zu der Arbeit, die das Buch so spannend und lesbar machen. So steht es in meinem Skript.

Vor dem Hintergrund des Geschehens hört sich dies ziemlich banal an. Aber diese Banalität und diese Vermarktungssprache passen ins Bild. Jemand der auf seine Bilder seinen Namen als Markenzeichen schreibt und der jeden billigen Trick benutzt um Öffentlichkeit zu erzielen, Im Endeffekt billige Tricks einer abgedrehten Werbeagentur. Vielleicht ist Hornsleth ja sowieso nur eine Idee einer beschissenen Werbeagentur.
OK, OK ich komme zum Ende.

Thiel schreibt über Wien und neben dem ganzen Stuss über wienerischen Humor, über seine Vorliebe für Wiener Hotels und seine Obsession bezüglich der Sprache, Josef Hader, Qualtinger etc. ... schreibt er über einen Besuch im Kunsthistorischen Museum, das Hornsleth und er besucht haben. Jeder von Ihnen war bestimmt schon einige Male im Kunsthistorischen Museum in Wien, wissen Sie das am Ring, gegenüber vom Naturhistorischen. Die Gemäldesammlung des Kunsthistorischen verdankt ihre Entstehung und ihre Eigentümlichkeit einer Reihe von großen Sammlerpersönlichkeiten des Hauses Habsburg. Eng verbunden mit den Ländern, über die die Habsburger so lange herrschten, erhält die Sammlung ihren spezifischen Charakter aus der Kunst dieser Bereiche. Hornsleth interessiert sich insbesondere für die Neuerwerbungen durch Kaiser Leopold I (1640-1705).

Der erwarb für seinen Bruder raumbeherrschende "barocke" Dekorationen, die bewegte, großformatige Dekoration, die bewegte, großformatige Komposition: Tizians Ecce Homo, die Serie alttestamentarischer Szenen von Veronese, Rubens Venusfest oder die vier Weltteile. Neben diesen kaufte er für die eigene Sammlung aus persönlich-dynastischen Gründen von Madrid nach Wien geschickten Infanten-Porträts von Velazquez nach Wien. Persönlich-dynastisch würde man das heute nicht nennen dürfen, wenn man sich Bilder von Kindern schicken lässt, um die Heiratsfähigkeit zu prüfen. Dies würde man heute auf einschlägigen Internetseiten suchen und finden und dubiosen Menschenschlepperbanden überlassen.

Die nächsten zwei Dias bitte.

Links sehen sie die Infantin Margarita Teresa in Rosa, um 1653/54 mit etwa 4 Jahren, und rechts 5 Jahre später in blau. Die Bilder wurden von Velazquez angefertigt, um die aktuelle Ansicht auf das Objekt der Begierde, natürlich dynastisch, persönlich freizugeben. Das dies Hornsleth gefallen musste, war mir nach dieser Überlegung auch klar. Sprüche wie "Fuck my Brains" out oder "Fuck me Daddy" oder auf österreichisch "Komm spuck den Schnuller aus" aller Ludwig Hirsch zusammen mit der Telefonnummer des Kunsthistorischen Museums im Internet zu veröffentlichen und dies als Kunstaktion zu deklarieren. Diese Perversion lässt sich leider nicht wirklich leugnen, wenn man sich wie Thiel mit den Porträts von Don Carlos beschäftigt und der Schillerschen Kunstfigur das Porträt von Velazquez entgegenstellt. Der ganze Stolz der Habsburger. "Don‚t be scared this is just art".

Das Hornsleth sich von 1600 ausgestellten Gemälden ausgerechnet auf Velazquez und Rubens kapriziert ist vor dem Hintergrund seiner pervertierten Interessenslage nicht weiter verwunderlich. So sieht er das 1604 entstandene Bild "Vier Weltteile" von Peter Paul Rubens eben nicht allegorisch, sondern überträgt es in die heutige Bildsprache. Vier alte Freaks im Whirlpool mit vier jungen Mädchen, soweit noch nicht besonders besorgniserregend, aber das ganze wird von drei Kleinkindern beobachtet die sich gegen einen Tiger und ein Krokodil wehren müssen. Thiel schreibt, das hätte Hornsleth selbst in den abgedrehtesten Hardcore-Filmen bisher nicht gesehen. Oder das Venusfest von 1636/37, wenn man dies in die heutige Bildsprache eins zu eins übertragen würde lesbische Exzesse aufgemischt durch jede Menge Sex mit Kleinkindern.

Da hört selbst für Thiel der Spaß auf. Wo Thiel sich verabschiedet, erwacht Hornsleth erst richtig. Dies ist eine Phantasie, die man sich heute nicht einmal ausdenken könnte, geschweige denn ausleben. Wieso schreibt Thiel darüber? Thiel versucht in einem letzten Aufbäumen vor dem intellektuellen Inferno, auf die Gängigkeit der Hornslethschen Codes selbst in den besten Sammlungen zu verweisen. Nur dort nennt man es barocke Allegorien und Leidenschaft oder dynastische und private Interessenlage, während man es bei Hornsleth als pervers abtut.

Und Wien ist in besonderer Weise auf dem Weg. So findet Hornsleth die Aktion der Depperten, die nackt oder mit Bikini in die Ausstellung über das Erotische in der Kunst in das Leopoldmuseum gegangen sind. Er hat dies als Beweis für die absolute Qualität des Wiener Humors angeführt. Nicht Indien ist das lustigste, sondern die Menschen die freiwillig nackt in eine Ausstellung gehen, um sich in den Bildern zu spiegeln. Hornsleth und Thiel schlagen gemeinsam vor das ganze im Kunsthistorischen Museum zu wiederholen. Ein Spass für die ganze Familie von 4 bis 84. Ein Schelm der Schlimmes dabei denkt. Überhaupt sollte man in den Swingeklubs Wien das Venusfest fest in die Dekoration aufnehmen. Von Clubs in denen sich alte Satyre über jungen Nymphen aus Ostereuropa hermachen und sich von Kindern dabei beobachten lassen, haben wir noch nicht gehört und wollen es, wenn es sie gibt auch gar nicht. Hornsleth wird an diesem Themenfeld künstlerisch arbeiten und auf die Differenz zwischen historizistischen und aktuellem Verständnis von Bildsprache arbeiten. Viel Spass dabei.

Jade steht auf und geht langsam auf ihn zu lächelt ihn an und geht ab.

Er sagt: "Don´t worry you will be fine when you are grown up"

Hornsleth tritt auf die Bühne und schreibt mit dem Finger "Hornsleth" in die Blutlache und macht mit der Digital-Kamera ein Photo und reicht sie einem Assistenten. Dieser speist das Photo in den Computer und projiziert dieses anstelle des Dias. Dann ruft er Jade auf die Bühne und bedankt sich beim Schauspieler. Alle drei verbeugen sich schweigend und gehen ab.